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Siri AI ausprobiert: gut, nützlich und in der EU (fast) nicht zu haben

Siri AI ist da, aber nicht für alle: Nach Apples Darstellung bleibt die neue Siri wegen des DMA auf iPhone und iPad in der EU vorerst gesperrt. Auf macOS und visionOS ist Siri AI hingegen schon jetzt verfügbar, sofern man eine unterstützte Systemsprache nutzt.

Auf einem Kurztrip in die USA hatte ich die Gelegenheit, Siri AI auf meinem iPhone auszuprobieren. Mein Eindruck: Die ausgezeichnete System-Integration war die eigentliche Revolution, nicht die einzelnen Funktionen an sich. Ich hoffe sehr, dass Apple und die EU eine Lösung finden und Siri AI bald auch bei uns auf dem iPhone ankommt.

Im Urlaub geht man nicht durch jedes Feature und baut detaillierte Tests. Ich habe einfach mit Siri gequatscht, Fragen gestellt und geschaut, wie die Antworten zur jeweiligen Situation passten. Was die Integration ins Betriebssystem konkret bedeutet, zeigen die folgenden Beispiele.

Was ist Siri AI

Das normale Siri wird von mir oft ignoriert: Timer stellen, Nachrichten diktieren, eine Route suchen, das ist nicht wirklich spannend. Bei echten Fragen kommt oft ein Hinweis auf eine Websuche, oder der Vorschlag, ChatGPT zu fragen. Siri AI soll das ändern. Dahinter steckt generative KI und “Apple Intelligence”: Der Assistent versteht Anfragen natürlicher, berücksichtigt den Kontext und greift direkt auf das zu, was auf dem Gerät liegt, also E-Mails, Kalender und Fotos. Somit ist Siri AI den bekannten Chatbots (ChatGPT, Claude, Gemini, Copilot) ähnlicher geworden und bei der Integration ins System überlegen.

Wissensfragen

Auf Wissensfragen antwortete das in der EU verfügbare Siri oft knapp oder mit einem Hinweis auf eine Websuche. Daher stelle ich diese meist direkt an Claude und ignoriere Siri komplett. “Siri ist dumm” ist ein Satz, den man bei uns im Haus schon öfter gehört hat.

Auf Roosevelt Island fragte mich meine Tochter, nachdem sie eine Hinweistafel gelesen hatte, wie es sein kann, dass Roosevelt so oft gewählt wurde. Ich erinnerte mich, dass die Beschränkung auf zwei Amtszeiten recht “neu” ist, und fragte Siri AI zuerst, wie oft Roosevelt eigentlich Präsident war.

Hey Siri how many times was Franklin Roosevelt president of the United States

Franklin D. Roosevelt was president of the United States four times. He is the only U.S. president in history to be elected to more than two terms. (Source: Encyclopedia Britannica +1)

Dazu gab es ein Bild von Roosevelt und den Hinweis, dass Siri AI als KI-Assistent Fehler machen kann. Meine Nachfrage nach der Änderung des Wahlrechts war sogar falsch formuliert, aber Siri AI hat mich trotzdem richtig verstanden und richtig geantwortet.

When was the rule established that a president can only serve for two consecutive terms

The rule limiting a president to two terms was established by the 22nd Amendment to the U.S. Constitution. It was passed by Congress in 1947 and officially ratified on February 27, 1951. (Source: reganlibrary.gov +1)

Genau diese Länge, diese Detailtiefe und eine Quelle dazu erwarte ich von einem Sprachassistenten auf meinem Telefon. Ich will keinen Aufsatz, ich will eine Antwort. Die neuen Fähigkeiten basieren laut Apples Pressemitteilung auf den Apple Foundation Models der nächsten Generation, die in Zusammenarbeit mit Google und dessen Gemini-Modellen entstanden sind. Das hat Siri sehr gut getan.

Zum Vergleich habe ich die erste Frage heute auch in Deutschland an Siri gestellt. Keine Antwort, nur das Angebot, die Frage an ChatGPT weiterzureichen. ChatGPT antwortet dann zumindest nützlich, aber in dieser Nutzererfahrung hat es zu viele Schritte, um wirklich natürlich zu wirken.

Franklin D. Roosevelt was elected President of the United States four times, serving from 1933 until his death in 1945 ChatGPT - Check important info for mistakes

Roosevelt

Wissensfragen sind mit Siri AI also wirklich nützlich und passen sich meiner Erwartung an. Diese Erwartung wird jedoch von den bekannten Chatbots bereits erfüllt. Ich selbst habe den Action Button am Telefon direkt mit einem Claude Shortcut verbunden, der einen Voice Chat beginnt. Dennoch finde ich, dass Siri AI den Job hier mehr als nur gut macht.

E-Mails suchen

E-Mails in Apples Mail.app zu suchen ist eine “hit & miss”-Aktion, daher gehe ich meist gleich ins Gmail-Nutzerinterface. Im Urlaub stellte ich dennoch eine Frage nach den Tickets für den Zug am nächsten Tag und Siri AI antwortete - fast ohne Wartezeit - mit dem Hinweis auf die richtige E-Mail und dem korrekten Detail aus der Nachricht. Natürlich wusste ich genau, wo ich die E-Mail abgelegt hatte, trotzdem war die Frage danach einfacher, als mich durch meine Ordnerstruktur zu tappen.

Kalendereinträge

Für unseren Urlaub hatten wir eine ganze Anzahl von Besichtigungen gebucht. Als “Library Geek” hatte ich Besuche in der Free Library of Philadelphia und New York Public Library gebucht. Beide Besichtigungen waren übrigens total genial - die Gebäude haben eine tolle Architektur und sind so nicht nur für Library Geeks interessant. Meine Tochter und ich hatten uns jedoch unterschiedliche Uhrzeiten für den ersten Termin gemerkt.

Auch hier konnte Siri AI den passenden Kalendereintrag finden und so passend antworten. Auch hier wäre der Blick in die Kalender-App schnell und problemlos gewesen. Die Möglichkeit, danach zu fragen, ist dennoch besser. Besonders praktisch ist das bei Fragen wie “Wann ist eigentlich mein nächster Zahnarzttermin?” :)

Bilderkennung

Mit am beeindruckendsten war jedoch die Siri-Kamera. Mit der Kamera kann man direkt Fragen zu einem Bild stellen, das man gerade sieht. In einem Beispiel habe ich ein Foto gemacht und einfach nur gefragt “what’s that?”

Taquitos

Siri AI antwortete nach relativ kurzer Zeit mit einer vollständigen Beschreibung, was da vor mir stand.

Taquitos Siri AI Answer

Natürlich wusste ich das schon, meine Tochter hatte es ja gerade erst bestellt, dennoch war diese reibungslose Integration fast schon revolutionär - einfach weil das so einfach war. Unter der kurzen Antwort kam dann noch eine ganze Erklärung, was Taquitos sind, wo das Wort herkommt und so weiter.

Zum Vergleich habe ich das Bild heute einmal mit Claude betrachten lassen und bekam eine ähnlich gute Antwort. Es ist also die Integration, die den Vorteil bringt und nicht wirklich die dahinterliegende Technologie.

Fehler

Einer der lustigsten Fehler war, als ich Siri AI fragte, wie weit es zu einem bestimmten Park in New York sei. Die eigentliche Antwort wäre ungefähr 500 Meter gewesen, aber Siri AI antwortete mit der Distanz von meinem geparkten Auto aus. Grundsätzlich keine dumme Antwort, nur nicht wirklich hilfreich, da mein Auto in der Garage zu Hause geparkt war. Leider habe ich keinen Screenshot gemacht, denn neben der Antwort gab es noch eine Grafik mit dem “Great Circle” (also dem kürzesten Weg zwischen zwei Punkten auf dem Globus). Nice try, aber hier hätte ein wenig mehr lokaler Kontext gut getan.

In Deutschland angekommen

Siri AI nicht in der EU

Kaum in Deutschland gelandet, mochte mich Siri AI nicht mehr. Ich hatte zwar immer noch das Icon, aber beim Öffnen der App werde ich lediglich darauf hingewiesen, dass Siri AI nicht verfügbar sei. Vor meinem iMac gab es hingegen eine positive Nachricht, denn Siri AI wurde als “fertig für den Einsatz” angekündigt und läuft auf meinem Mac soweit auch gut.

Siri auf meinem iMac

Die Mac-Version habe ich erst heute entdeckt, deshalb kann ich noch nicht sagen, wofür ich sie wirklich nutzen werde. Ein Trost, aber kein Ersatz: Am iMac tippe ich ohnehin genauso schnell, wie ich sprechen könnte, und Claude ist bereits offen. Was Claude fehlt, sind die einfachen Schnittstellen zu meinen E-Mails, meinem Kalender und meinen Fotos.

Und der Datenschutz?

Das große Argument von Apple ist der Datenschutz. Wenn ein Assistent meine E-Mails, meinen Kalender und meine Fotos durchsucht, ist die Frage, wohin die Daten gehen, besonders wichtig. Nach Apples Angaben läuft möglichst viel direkt auf dem Gerät. Was dort nicht geht, wird an die “Private Cloud Compute” geschickt, Apple-Server, die laut Apple nichts speichern und für niemanden einsehbar sind.

Das ist Apples Versprechen, überprüfen kann ich das natürlich nicht, aber ich vertraue Apple durchaus mehr als einem VC-finanzierten Startup. Interessant ist, dass Apple damit auch die EU-Sperre begründet: Der DMA würde verlangen, dass alle Assistenten den gleichen direkten Zugriff auf private Daten bekommen, und das sei ein Sicherheitsrisiko. Ob man dieses Argument teilt, ist eine andere Frage. Ich könnte mir ein umfangreiches Permission-System vorstellen, das mir Kontrolle über den Zugriff gibt, damit ich selbst entscheiden kann, welchem Anbieter ich vertrauen möchte.

Eine nüchterne Gegenstimme dazu liefert der Kryptograf Matthew Green in The future of Siri, or: why private inference isn’t private enough. Sein Punkt: Private Cloud Compute schützt davor, dass der Anbieter die Anfrage während der Verarbeitung mitliest. Das ist aber nur ein Teil des Problems. Gegen staatlichen Zugriff, schreibt Green, könne Verschlüsselung allein kaum etwas ausrichten. Dieser Schutz liege “in law and politics and corporate incentives”.

Für mich heißt das: Siri AI ist vermutlich besser als vieles, was es sonst gibt. Aber “privat” ist kein Zustand, sondern eine Frage, wie viel Vertrauen man einem Anbieter schenkt. Das gilt für Apple genauso wie für Google oder OpenAI.

Fazit

Siri AI revolutioniert nur wenig, und trotzdem hat es enorm Spaß gemacht und bei mir den “Haben-Will-Reflex” verstärkt. Vieles, was es bietet, kennt man bereits von Claude, ChatGPT & Co. Moderne Chatbots können über sogenannte MCP-Server auch mit Office 365 & Co. kommunizieren. Auf der Arbeit nutze ich das durchaus öfter, aber diese Anfragen brauchen häufig recht lange und verbrauchen viele Tokens. Siri AI macht das ohne Umweg, und nach Apples Versprechen passiert vieles davon direkt auf dem eigenen Telefon.

Was Siri AI interessant macht, ist also die tiefe Integration ins Betriebssystem, die besonders dann nützlich ist, wenn man die Apple-Standard-Apps verwendet. Somit wird Siri AI zu einem natürlichen und allgegenwärtigen System: keine oder nur ganz kurze Pausen, kein Bruch in der Nutzererfahrung. Man hält den Knopf auf der rechten Seite gedrückt, stellt seine Frage, wartet einen Moment und erhält eine Antwort, die meist genau das findet und aufzeigt, was man gesucht hat.

Solche Integrationen sind immer dann besonders einfach, wenn alle Angebote von einem Anbieter stammen. Genau das führt zu großer Marktmacht, und hier setzt die EU an: Sie will verhindern, dass der Kauf eines Geräts zum Plattform-Lock-in wird. Das Argument kann ich nachvollziehen, aber ich würde dennoch gerne selbst entscheiden. Im Moment würde ich mich sofort und ohne langes Nachdenken für Siri AI entscheiden.